»Hätt'ste Milch getrunken« war ein beliebter Werbeslogan der Milchindustrie. »Hätt'ste besser keine Milch getrunken«, müssen sich die von Laktoseintoleranz Betroffenen sagen, die sich mit den z.T. sehr belastenden Folgen ihrer Milchzuckerunverträglichkeit wie kolikartigen Bauchschmerzen, schweren Durchfällen, Erschöpfungszuständen und depressiven Verstimmungen, um nur einige Symptome zu nennen, herumschlagen. In der Bundesrepublik sind es immerhin ca 15%, weltweit deutlich mehr, in Ostasien und im südlichen Afrika und Lateinamerika sogar bis zu 100% der Bevölkerung, deren Verdauungssystem Milchzucker (Laktose) nicht verträgt, wie der Autor mit Hilfe eindrucksvoller Karten und Schaubilder zeigt.
Hier bietet der Ratgeber von Thilo Schleip eine gut verständliche, mit ausgezeichnet gestalteten Schaubildern und Tabellen angereicherte Einführung in das Krankheitsbild »Laktoseintoleranz«, das vielen Betroffenen vielleicht zum ersten Mal verständlich macht, wie ihr Körper auf Milch und Milchprodukte reagiert und warum er dies so tut.
Viele Patienten mit z.T. schwerwiegenden Symptomen haben eine jahrelange Odyssee durch diverse Praxen hinter sich, sind mit unangenehmen Untersuchungen wie Darmspiegelungen, manchmal auch mit Operationen wie z.B. Darmverkürzungen behandelt oder besser misshandelt worden, oder ihr Leiden wurde als »psychosomatisch« fehldiagnostiziert. In den meisten Fällen wurde die Diagnose »Laktoseintoleranz« nicht durch den behandelnden Arzt gestellt, sondern eher zufällig, z.B. durch Reformhauszeitschriften, naturheilkundliche Ratgeber oder Kontakte zu anderen Betroffenen, Selbsthilfegruppen oder auch vegan lebenden Menschen gefunden. In der Schulmedizin scheint immer noch eine merkwürdige Unkenntnis oder sogar ein bewusstes Negieren des Problems vorzuherrschen, manchen Patienten wurde sogar trotz erkannter Laktoseintoleranz weiter der Milchverzehr »wegen der lebenswichtigen Kalziumzufuhr« empfohlen.
Gerade hinsichtlich der Frage, ob eine Laktoseintoleranz vorliegt, hilft das Buch mit einer übersichtlichen Liste der Symptome und einer gut nachvollziehbaren, weil optisch ausgezeichnet unterstützten Darstellung der verschiedenen Nachweisverfahren wie H2-Atemtest oder Laktose-Belastungstest.
Thilo Schleip, der selbst Betroffener ist, setzt sich in seinem Buch zwar nicht grundsätzlich mit der Milchproduktion und der Züchtung und Haltung von Tieren hierfür auseinander, aber seine Ausführungen über die weltweite Verbreitung der Laktoseintoleranz zeigen, wie problematisch eine milchbasierte Ernährung für große Teile der Menschheit ist. Der Autor diskutiert verschiedene Thesen über die Entstehung dieses Phänomens. Wichtiger ist jedoch eine andere Schlussfolgerung, die der Autor so nicht zieht: viele sog. »Entwicklungshilfeprojekte« oder »Ernährungshilfsprogramme« liefern entweder direkt Milchprodukte in Form von Trockenmilchpulver o.ä. oder forcieren den Aufbau einer Milchwirtschaft, wodurch - wie anhand des von Schleip vorgelegten Materials leicht nachvollziehbar ist - immense gesundheitliche Schäden bei den Empfängern dieser »Hilfe« verursacht werden. Unter diesem Aspekt wäre eine Revision von »Entwicklungskonzepten« dringend erforderlich.
Da Schleip die Milchproduktion nicht grundsätzlich kritisiert, befasst er sich mit verschiedenen Methoden, trotz bestehender Laktoseintoleranz Milch und Milchprodukte verträglich zu machen. Versuchen kann man dies durch die Einnahme des Enzyms Lactase als Medikament, was jedoch nur eingeschränkt erfolgreich ist. Außerdem gibt es - mittlerweile auch schon im Handel - laktosefreie Milch oder die Möglichkeit, diese durch chemische Spaltung der Laktose selbst herzustellen. Auch hier bleibt eine gewisse Restmenge von Milchzucker, die die Toleranzschwelle empfindlicher Personen schon deutlich übersteigen kann.
Der wichtigste Teil des Buches enthält die »Ernährungstipps für die Praxis«. Hier zeigt der Verfasser anhand umfangreicher Listen, wie verbreitet die Verwendung von Milchzucker in der industriellen Fertigung von Lebensmitteln ist. Milchzucker wird fast überall eingesetzt, auch da, wo man ihn keineswegs vermuten würde, wie in »Formfleisch«, Fleisch- und Wurstwaren, Dressings, Senf, Streuwürze, Ketchup, allen Arten von Fertiggerichten, Brot, Zwieback, Kuchen etc.
Infolge der Überproduktion durch die industrielle Massentierhaltung steht der Lebensmittelindustrie ein billiger Vorrat an Milch-, Buttermilch- und Molkeprodukten zur Verfügung, der wegen seiner technologischen Vorteile als Bindemittel, Geschmacksträger etc fast überall eingesetzt wird. Selbst in Medikamenten - und sogar in Medikamenten gegen Verdauungsbeschwerden - wird Laktose verwandt! Den Betroffenen hilft hier nur das sorgfältige Lesen der Inhaltsangaben auf den Packungen, die aber auch nicht vollständig sein müssen. Schleip geht ausführlich auf den Laktosegehalt einzelner Milchprodukte ein, da er der Meinung ist, dass das Ausmaß der körperlichen Beschwerden von der aufgenommenen Menge an Milchzucker abhängt und kleinere Mengen je nach Umständen vertragen würden. Außerdem sieht er in der Milch auch eine wichtige Kalziumquelle. Sicherer als solche Selbstexperimente ist es, möglichst wenig industriell verarbeitete Lebensmittel zu kaufen und Milch oder Milchprodukte durch die entsprechenden Produkte aus Soja, Kokos oder Mandeln zu ersetzen. Für das Kalziumproblem selbst gibt Schleip brauchbare Hinweise, die zeigen, wie eine Kalziumzufuhr auch ohne Milchprodukte sichergestellt werden kann, z.B. mit Hilfe von Mineralwasser. Unerörtert bleibt in diesem Zusammenhang das Kalzium-Phosphat-Problem.
Der wertvollste Teil des Buches ist die im Anhang beigefügte Liste laktose-freier Fertigprodukte. Der vegan lebende Mensch wird diese selbstverständlich als völlig ungenügend empfinden, da sie ja nur unter dem Aspekt des Ausschlusses von Milchzucker erstellt ist und Fleisch, Fisch, Gelatine und andere Produkte vom Tier nicht ausschließt. Eine vegane Ernährung geht ja weit über eine laktosefreie hinaus!
Schließlich bietet das Buch einen weiteren Anhang, in dem eine Adressenliste von Selbsthilfegruppen zu finden ist.
Insgesamt handelt es sich um eine ausgezeichnete Aufbereitung des Themas, das informativ, gut erklärend und durch viele Schaubilder, Tabellen und Fotos optisch ansprechend dargeboten wird und insofern seinen Preis von Euro 9,95 wert ist.
Es ist allerdings kein Buch über vegane Ernährung, es stellt die traditionelle Ernährungsweise nicht in Frage und bezieht keine ethischen Aspekte ein. Für Veganer kann es wichtige Hinweise auf versteckte Stoffe tierlicher Herkunft in Lebensmitteln und hilfreiche Argumente liefern, um dieses Problem gegenüber den Herstellern anzusprechen.
Als Tierrechtlerin muss ich auf die Leiden der Kühe, Kälber und Zuchtstiere in der Milchproduktion hinweisen, die wir überflüssig machen könnten, wenn wir ohne Milch und Milchprodukte ethisch und gesundheitlich gut leben würden.
Renate Bruker
Thilo Schleip
Laktose-Intoleranz
Wenn Milchzucker krank macht.
Taschenbuch - 100 Seiten
Ehrenwirth Verlag, 2001
Preis: 9,95 Euro
ISBN 3-431-04027-6
Bestellen: bei amazon.de